Briefe, die schon immer mal hätten geschrieben werden sollen – ein ganz privates Archiv

LESERBRIEF vom 10. August 2025

Made in Germany

Oder auch nicht

Es ist irgendwie seltsam. »Made in Germany« war mal ein richtiger Begriff. Ist es immer noch – beziehungsweise wird immer noch als solcher verwendet. Ist er aber schon lange nicht mehr. Da wo der Begriff draufsteht, versteckt sich immer mehr alles Mögliche aber kein »Made in Germany«. Es reicht inzwischen offenbar aus, Einzelteile in allen Teilen der Welt einzukaufen und sie in Deutschland dann noch zusammen zu bauen. Fertig: »Made in Germany«.

Das hat nichts mehr mit dem ursprünglichen Qualitätsbegriff zu tun, bei dem der wirklich größte Teil der Wertschöpfungskette tatsächlich auch hier stattgefunden hat. Durchgängig hohe Qualitätsstandards und entsprechend in Lohn und Brot stehende Mitarbeiter inclusive. Wenn aber Produkte komplett in China (oder sonstwo) zu möglichst günstigsten Preisen eingekauft, und anschliessend in Deutschland nur noch in einen Verkaufskarton verfrachtet werden, der mit einem Aufkleber »Made in Germany« aufwartet, dann ist das nicht nur Bullshit, sondern schlichtweg Täuschung. Das Label wird zum reinen Marketing, ohne jeden Hintergrund.

Kann man bei sehr, sehr vielen Produkten so beobachten. Und ich befürchte, dass es inzwischen sogar bei einem bedeutend größeren Teil der Fall ist, als es sich relativ zweifelsfrei nachverfolgen lässt. Da hilft es in meinen Augen auch nichts, wenn eine deutsche Firma, sei es direkt oder indirekt, einen Produktionsstandort in Fernost betreibt und »nach strengen Qualtitätskriterien« dort fertigt oder fertigen lässt. Das ist dann nicht nur gefühlt kein »Made in Germany« mehr.

Persönlich stört es mich massivst, wenn ich ich bewusst in ein meist auch etwas teureres »Made in Germany« investiere und dann feststelle, dass da eigentlich nichts mehr wirklich unter dem bepreisten Label läuft. Bestenfalls der Zusammenbau erfolgt in weiten Teilen noch hierzulande, auf den Innereien prangt dann auch mal ganz unselbstbewusst »Made in Anderswo«. Wenn der Gedanke des Verbrauchers schon derjenige ist, ganz gezielt die eigene Wirtschaft stärken zu wollen und nebenbei auch die vielbepriesenen hochqualifizierten heimischen Arbeitskräfte profitieren zu lassen (in dem Boot sitzt man ja letzten Endes auch selbst) , dann sollte auch das drin sein was draufsteht. Bei allem Anderen fühle ich mich schlicht und ergreifend deutlichst verarscht. Etikettenschwindel vom Feinsten.

Ganz abgesehen davon, dass die Qualität weitestgehend auf dem Altar der Kosteneffizienz geopfert wird. Es scheint nicht mehr darum zu gehen, ein hervorragendes Produkt anzubieten welches den ihm zugedachten Zweck möglichst optimal und möglichst lange erfüllt. Und auch nicht darum, einfach genug damit zu verdienen um gut davon leben zu können und den Betrieb weiter aufrecht zu erhalten, voranbringen zu können und so weiter. Nö. Die Gewinne müssen nach Möglichkeit ins Unermessliche gesteigert werden. Das ist meist alles was zählt. Je größer das Unternehmen, umso mehr. Nicht nur gefühlt.

Ein Unternehmen muss Geld verdienen. Logisch. Das dürfte auch so ziemlich jedem klar sein. Aber kann, darf oder soll das so weit gehen, dass man sich am Ende des Tages selbst verkauft und verrät? Indem man nur noch alleine nach Kostenfaktoren operiert und mögliche bessere Qualität über Bord wirft macht man sich letztlich beliebig und austauschbar. Und man wirft nicht nur Tugenden über Bord sondern auch Fähigkeiten und Können. Da läuft irgend etwas falsch.

Wo ist denn der Anspruch an die eigenen Fähigkeiten hin? Der Anspruch daran, den eigenen Erwartungen auch selbst zu genügen? Irgendwann wurden Dinge mal sehr, sehr gut gemacht bzw. gefertigt. Die Begründung war einfach: »Weil es geht und weil wir es können«! Die entsprechenden Produkte waren noch nie ›billig‹ im Sinne von an jeder Ecke günstigst hinterhergeworfen zu bekommen. Aber sie waren einfach gut und wertig und haben vor allem meistens verdammt lange gehalten. Aber da waren vermutlich auch noch Konstrukteure bzw. Techniker und der Fertiger diejenigen, die den Maßstab mit ihrem Können gesetzt haben. Heute haben die Controller das Sagen. Aber die können tragischerweise eben nur rechnen.

Es gibt aber (Gott sei Dank) offensichtlich doch noch einige Unternehmen, die den Qualitätsanspruch und den Inhalt von Made in Germany hochhalten. Und ihn auch tatsächlich mit Qualitäts- und Lokalitätsgedanken umsetzen. Bei Zangen zum Beispiel, oder Unterhemden. In der Regel scheinen das aber eher kleinere und mittelständische Unternehmen zu sein, die dazu auch meist noch Inhabergeführt sind. Bei denen stimmt dann auch das Gesamtpaket und die können offenbar auch davon leben ohne am Hungertuch zu nagen. Geht also doch noch. Respekt an diejenigen, die das hinbekommen. An alle Anderen: Schämt euch einfach.