Weihnachten. ›Es‹ steht mal wieder vor der Tür. An kölsch angelehnt wäre die erste Frage »wolle mers reilasse?«. Ist ja immer so eine Sache. Stellt sich meist aber nicht, die Frage – es kommt einfach. Ob man will oder nicht. Drumherum zu kommen kaum möglich. Zumindest nicht im familiären Umfeld, obwohl das schon mal eine ernsthafte Überlegung wert wäre… der Gedanke hat viel Verlockendes.
Und man könnte auch viel vermeiden bzw. positiv verhindern. Fettnäpfchen zum Beispiel. Oder Oma Hildes gefürchtetes Mittagsmenü. Für viele stellt sich diese Frage allerdings erst garnicht. Schlicht mangels Option. Oder auch mangels Kleingeld für festfreie Festtage auf Sylt. Wie auch immer. Wenn sich das alles nicht umgehen lässt, dann gibt es zumindest einige ›Lifehacks‹ quasi als Überlebenshilfe mit denen sich sich die Angelegenheit angenehmer oder wenigstens – sagen wir ›unfallfreier‹ gestalten lässt. Auf gehts:
Basics: Egal wohin sie gehen oder wo Sie hineingehen, ziehen Sie die Schuhe aus (natürlich wirklich nur innerhalb von Gebäuden!) und halten Sie stets warme Socken griffbereit. Sie wissen ja, dass Oma Hilde nur spärlich heizt. Wie das Ihr Pastor in seiner Kirche hält erfragen Sie am besten direkt vor Ort. Vermeiden Sie es aber in jedem Fall bei Muttern mit nassem und schneebehaftetem Schuhwerk einzulaufen, sonst ist der Braten bereits gegessen bevor er auf dem Tisch steht. Es empfiehlt sich darüber hinaus aus gegebenem Anlass, das Hemd hier auch mal unter der Woche zu wechseln, falls Heiligabend nicht zufällig ohnehin auf einen Sonntag fallen sollte. Die nähere Verwandschaft hat Sie länger nicht mehr gesehen als Ihre Kollegen auf der Arbeit und schaut somit dann auch schon mal entsprechend genauer hin. Händewaschen und frische Socken anziehen sind übrigens ebenso obligatorisch, sollten Sie aber auch noch aus Ihrer Kindheit und Jugend kennen. Ihre Frau Mama weiss es jedenfalls noch.
Einfache Verhaltensregeln: Entspannen Sie sich. Es ist Weihnachten, oder auch ›das Fest der Liebe‹. Verhalten Sie sich entsprechend. Zumindest in Gesellschaft. Was Sie ganz privat für sich zuhause halten ist Ihre Sache. Im Beisein der Familie oder anderen gesellschaftlich relevanten Gruppierungen sei geraten: Halten Sie an sich! Hauen Sie zum Beispiel Onkel Erwin einfach mal nicht eine auf die Kauleiste wenn er Sie zum 7412ten Mal an Ihren Fauxpas zu Weihnachten anno 1972 erinnert. Schreien Sie ihn auch nicht an. Verschieben Sie das auf nach den Feiertagen und unter vier Augen. Das hebt die Stimmung gleich um ein Vielfaches – auch Ihre eigene. Denn Vorfreude ist bekanntlich die Schönste. Lassen Sie sich darüber hinaus auch nicht von allfälligen Kommentaren über Ihre Beziehung oder Ehe verunsichern. Übergehen Sie das einfach elegant und wechseln Sie das Thema. Das gilt dann auch für alle anderen Themen die Sie das ganze Jahr über ohnehin schon verdrängt haben.
Alkoholkonsum: Spielt beim Verdrängen auch gerne mal eine Rolle. An Festtagen generell. Auch hier sei geraten: Halten Sie Maß. Es sei denn, Sie möchten auch noch unbedingt bei Ihrer buckligen Verwandschaft übernachten müssen. Allerdings empfiehlt sich das Maßhalten in alkoholischen Angelegenheiten angesichts der polizeilichen Kontrolldichte und der weihnachtlichen Verfügbarkeitssituation in Bezug auf entgeltliche Fahrdienste ohnehin. Je geringer Ihr Alkoholspiegel, desto freier sind Sie im Zweifel in Ihrer Entscheidung die jeweilige Festivität nach Gutdünken vorzeitig mit dem eigenen fahrbaren Untersatz zu verlassen (Siehe ggf. beispielsweise hinsichtlich der Thematik ›Onkel Erwin‹). Und überhaupt ist das ja letztlich auch nicht gesund, das Zeug. Also lassen Sie das.
Kommunikation: Stellen Sie sich dem Unvermeidlichen und erzählen Sie auf Nachfrage gerne erneut vor der gesamten geselligen Runde von Ihrem letztjährigen Urlaubsdesaster auf Mallorca. Nicht nur die Chancen, dass Onkel Erwin seinerseits seinen Drang nach Mitteilung wenigstens mittelfristig vergisst erhöhen sich erheblich, auch Tante Edeltraut wird nachhaltig in ihrem Drang nach Aufdrängen des vierten Nachschlags an Sahnetorte gehemmt. Bedanken Sie sich freundlichst für jedes erhaltene Geschenk. Auch für das nicht identifizierbare, verknitterte selbstgemalte Portrait Ihrer sechsjährigen Nichte Jaqueline und die orangene Krawatte Ihrer Schwägerin, die nicht einmal den Weg in einen Schrank finden wird. Und wünschen Sie unbedingt den ganzen Tag und Abend über allen Anwesenden mehrfach frohe Weihnachten und einen guten Rutsch. Das gehört sich einfach so und sorgt dafür, dass Ihre überschwängliche Freundlichkeit in aller Erinnerung bleibt. Dies gilt insbesondere für Ihre Großtante Olga. Denken Sie jederzeit daran, dass Sie unbedingt deren Schrebergarten zu erben gedenken.
Geschenke: Machen Sie sich auf keinen Fall Gedanken darüber, dass Sie sich keine Gedanken darüber gemacht haben was genau Sie wem schenken und was passend ist oder nicht. Das haben die Anderen auch nicht getan und die machen sich darüber auch keine Gedanken. Vergessen Sie aber unter keinen Umständen was genau Sie von wem bekommen haben! Das kann künftig von unschätzbarem Wert sein. Nicht nur wenn Sie in vier Monaten gefragt werden wie Ihnen die orangene Krawatte gefallen hat – auch dann wenn Sie das nächste Mal für irgend jemanden aus dieser Plage wieder ein Geschenk benötigen wird Ihnen das zugute kommen. Sie werden unter Umständen dann noch sehr froh sein, wenn Sie sich wieder daran erinnern, dass Ihr Bruder Gernot sich erneut weder Mühe bei der Auswahl Ihres Geschenkes gegeben, noch einen auch nur ansatzweise angemessenen Betrag dafür berappt hat. Grundsätzlich: Freuen Sie sich jedoch unbedingt stets wie Bolle über alles was Ihnen von den Ihren und anderen Mitmenschen zuteil wird. Ihre ureigensten inneren Gedanken behalten Sie dabei allerdings immer und unbedingt für sich. Es ist wichtig, dass Sie dies beherzigen. Die Weihnachten sollen ja froh sein. Persönliche Befindlichkeiten und Stimmungen sind dabei vollkommen fehl am Platze.
Bei Unstimmigkeiten: Da halten Sie es am Besten genauso wie bei Onkel Erwin. Zurückhaltung lautet das Gebot der Stunde. Im Zweifel wird der Rettungsdienst trotz Dauerbereitschaft vorhersehbar eine ziemlich veritable Verspätung aufweisen die der medizinischen Erstversorgung nicht gerade zuträglich ist und der Zahnarzt hat auch erst nach Neujahr wieder reguläre Sprechstunde. Es lohnt sich also unbedingt gewisse Dinge auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Mit Tante Klara werden Sie ohnehin noch beizeiten in medias res gehen müssen wenn es um den Schrebergarten Ihrer Großtante geht. Also immer mit der Ruhe und überstürzen Sie nichts. Sylt ist nächste Weihnachten auch noch da.
Ist ja nur Weihnachten. Frohes Fest.