Briefe, die schon immer mal hätten geschrieben werden sollen – ein ganz privates Archiv

LESERBRIEF vom 5. Januar 2026

Die besten Reiseblogs

Für Deutschland und die Welt

Es ist ja aktuell gerade wieder die Zeit, in der man sich Gedanken macht. In diesem Fall speziell über den nächsten Urlaub. Ob überhaupt, wenn ja wohin und so weiter. Was macht man da dann als Erstes? Richtig. Im weltweiten Internetz herumsuchen und einfach mal gucken gehen. Dabei fallen einem dann immer wieder sogenannte ›Reiseblogs‹ vor die Füße, respektive die Nase. Diese wollen (laut eigenen Aussagen) in der Regel nicht nur ihre Erlebnisse teilen sondern andern Reisenden auch »eine wertvolle Hilfe« sein und mit »besonderen Tipps« und den »besten Empfehlungen« aufwarten. Das ist schön und das ist auch sehr großzügig. Tolle Sache, dieses ›Bloggen‹.

Also frisch ans Werk und interessiert hineingelesen in diese Blogs. Sehr ambitionierte Webauftritte in der Regel, mit einer teils unüberschaubaren Fülle an Reise- und Erfahrungsberichten aus aller Welt. Bei einigen hat man direkt das Gefühl, dass die eigentlich garnichts anderes mehr machen als reisen. Dieser Schein trügt dann auch nicht. Da sind tatsächlich etliche dabei, die das Reisen offensichtlich als Beruf ausüben und allem Anschein nach wohl auch davon leben können. Interessant. Allerdings sagt das zunächst mal nichts über die Qualität der Inhalte aus. Leider sind jene oft derart oberflächlich und Sponsoren-getränkt, dass man für die enthaltenen Informationen auch schon alleine mit Wikipedia besser und vor allem werbefrei bedient wäre. Wo genau zum Beispiel Korsika liegt (nämlich nördlich von Sardinien und nicht umgekehrt!) ist jetzt nicht unbedingt die Wissenslücke, die es da zu schliessen gilt.

Und überhaupt: drei lausige Absätze über eine derartige ›Destination‹ (Achtung – es ist wichtig, dass sie diesen Terminus verinnerlichen wenn sie auf Reiseblogs unterwegs sind!) erscheint dann auch beileibe nicht restlos erschöpfend, das klingt eher nach ›abhaken‹, weil eben diese Destination bisher noch nicht im Portfolio vorhanden war. Dafür gibt es viele bunte Bilder bzw. ›Schnappschüsse‹. Auch toll. Vielleicht fahren einige auch nur genau deswegen irgendwo hin – um schnell ein paar Fotos zu machen. Kann auch sein. Jedenfalls sind viele dieser ›Reiseblogs‹ schon erstaunlich oberflächlich. Dafür umso voller von unsinniger Gefühlsduselei.

Richtig spannend wird es aber dann, wenn es um Örtlichkeiten bzw. ›Destinations‹ geht, die man bereits selbst gut kennt weil selbst schon wiederholt bereist. Da merkt man dann in Teilen extremst schnell wie gut der Blogger oder die Bloggerin diese eigentlich ›kennt‹ und mit wieviel ›Herzblut‹ und Engagement da zu Werke gegangen wird. Da lernt man dann die besten Reiseblogs aller Zeiten wirklich zu schätzen. Wenn man sich dann noch die Mühe macht die dort Bloggenden einmal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, dann wird es … ja was eigentlich? Je nach Sichtweise entweder lustig oder einfach nur peinlich.

Warum? Die allerbesten ›Reiseblogs‹ werden zum überwiegenden Teil offenbar von weiblichen ›Bloggerinnen‹ betrieben. Typ gut situiert, in den besten Lebensjahren und emotional absolut auf der Höhe der Zeit. Darüber hinaus selbstverständlich auch sehr mitteilsam. Diese genialen Blogs heissen dann auch gerne ›Sinas Reise- und Fashionbook‹, ›Swantjes Lifestyle Blog‹ oder ›Jana reist mit Style‹ und so weiter. Könnte man nicht eigentlich da bereits ahnen was da auf einen zukommt? Ja, schon.

Sina zum Beispiel reist oft und gerne an Nord- und Ostsee – mit Ehemann und Hund. Letzterer ist dann auch meistens mit auf den Fotos zu sehen, Ersterer eher nicht. Der scheint fotografieren müssen zu dürfen und das Wichtigste ist offensichtlich ohnehin: Sina (mit Hund). Scheint nicht nur so, ist auch so. Sina zeigt sich offenbar auch wirklich sehr gerne. In fast allen Lebenslagen. Vor dem Leuchtturm im Nebel, gedankenverloren am Strand, sehnsüchtig in die Weite blickend vor der Strandbar, im Bademantel beim Nägel lackieren im lauschigen Bad des Feriendomiziles und so weiter und so weiter. Das alles logischerweise immer bestens gekleidet und nie zweimal mit den selben Kleidungsstücken, stets mit Hund (natürlich) und in perfekter Pose optimal abgelichtet. Man versteht umgehend: Sina ist hier der Star, alles andere ist eher Nebensache (»Reiseblog«?). Auch die Beschreibungen der bereisten Örtlichkeiten – Entschuldigung, ›Destinationen‹ (!) – sind hier noch hanebüchener als in anderen Blogs. Man ergeht sich gerne in überschwänglichsten Beschreibungen der (äusserst komfortablen und augenscheinlich recht hochpreisigen) Unterkünfte – nebst den passenden Ablichtungen selbstverständlich – und dem ganz hervorragenden Essen im »angesagtesten« Restaurant des Reisezieles. Das ist ja auch wichtig. Profanes stört dabei nur. Sina vergisst dann auch nie, Unterkunft und Lokal entsprechend zu verlinken und mehrfach Empfehlungen dazu auszusprechen. Darüber hinaus wird dann auch der »ganz ganz lieben« Vermieterin und dem »total netten« Inhaber des Restaurants mehrfach tiefste Dankbarkeit bekundet.

Dass man da anschließend nicht noch den Bildschirm per Reinigungstuch von dem da Triefenden befreien muss ist noch nicht alles. Man erfährt auch wo man die tollen Kleidungsstücke kaufen kann, die Sina den ganzen Tag spazieren trägt, selbstvertändlich zu ›Spitzenpreisen‹ (Achtung: Eine Spitze zeigt meist nach oben!) und so weiter. Mit anderen Worten: Sina zelebriert sich selbst. Der Ort, an welchem sie das tut, ist mehr oder weniger komplett Nebensache. Deshalb erfährt man dazu auch praktisch nichts. Oder eher Unwichtiges (außer für Sina – zum Beispiel wie hübsch so ein Urlaubswald im Nebel aussieht). Dafür erfährt man aber, dass Sina von den Klicks profitiert, die man da doch bitte per zur Verfügung stehenden Buttons tätigen möge. Zumindest, sofern man an den von der Protagonistin zur Schau gestellten ›Fashion‹ und diversen Pretiosen interessiert wäre. Für den einfachen Reiselustigen alles eher weniger hilfreich. Schade eigentlich.

Ein weiterer dieser ›Reiseblogs‹ stammt von einer gewissen Jana (Name ebenfalls vom Autor geändert), die auch sehr »in Sachen Fashion und Lifestyle unterwegs« ist. Um es kurz zu machen: Auch diese Dame zelebriert sich selbst und schlägt ihre offenbar zu hauf zur Verfügung stehende freie Zeit mit dem Betrieb ihres ›Blogs‹ tot. Hat aber dazu jede Menge ihr wohl gesonnene Freundinnen respektive ›Follower‹ die ihr per Kommentarfunktion regelmäßig und dankbarst huldigen. Spannenderweise kommentieren die dann auch alle unter Hinterlassung der eigenen Internetadresse, was dann auch unzweifelhaft enthüllt: Die überschwänglichen Kommentatorinnen haben praktisch alle selbst einen eigenen ›Fashion- und Reiseblog‹. Das ist ja mal ganz spannend. Gibt es da eine Art Loge oder Verein wo die alle organisiert sind? Auf alle Fälle scheinen die sich gut zu kennen und verpassen keine Gelegenheit sich gegenseitig der höchsten Hochachtung zu versichern und immer wieder zu betonen, wie einer dieser Artikel doch gerade eben wieder »sehr berührt« habe und welche »warmen Gefühle« man angesichts dessen füreinander empfindet. Man kommt gar nicht mehr heraus aus dem Staunen. Was es da nicht alles gibt in dieser wunderbaren weiten Internetwelt…

Ansonsten verharren diese Blogs aber allesamt entweder in sturer Oberflächlichkeit oder emotionalen Plattitüden. Oder ist es informationstechnisch von Bedeutung, wenn die Autorin angesichts der »unfassbar weiten und schönen Sandflächen« ihres »Place to be« in wortreich beschriebene Tränen ausbricht? Und ob es an der Strandbar den von ihr ach so heiß ersehnten ›Aperol Spritz‹ (nicht) gibt und sie deshalb eine fürchterliche emotionale Enttäuschung angesichts der Rüchständigkeit des Zielortes erleiden muss? Geschenkt. Was allerdings nachdenklich macht, ist beispielsweise der respektabel misslungene Vergleich zweier Nordseeinseln und die für die Autorin damit verbundene Frage auf welcher sie denn nun Neujahr verbringen sollte – selbstverständlich flankiert von mannigfaltigen guten Ratschlägen ihrer weiblichen ›Buddys‹ in den Kommentaren. Letztendlich kristallisiert sich aber heraus, dass es einfach nur darum geht, den ›Sehnsuchtsort‹ per eigenem Pkw erreichen zu können. Siehste. Am Ende sind die mitzubringenden ›Veuve Clicquot La Grande Dame‹-Flaschen dann doch wichtiger als die landschaftliche Vollkommenheit der Sehnsuchtsorte. Zumal – wie man erfährt – ja die Preise auf diesen Inseln derart unverschämt überzogen sind, dass man geradezu genötigt ist lebenswichtige Nahrungsmittel (in Flaschen) selbst mitzubringen. Aha. Deren Probleme hätte man gerne.

Man erfährt aber immer wieder auch andere wichtige Dinge: Zum Beispiel etwas über »die fünf schönsten Strände auf Amrum«. Wenn mich diverse Landkarten inklusive GoogleMaps nicht trügen, dann haben die dort genau einen – und zwar die gesamte Insel entlang (im Übrigen praktisch genauso zutreffend auf allen anderen Nordseeinseln…). Woher nimmt die Dame fünf? Allerdings erfährt man gleichzeitig auch von dem barbarischen Nachteil, dass auf dieser Insel keinerlei Seebrücken oder Strandbars mit wirklich gutem Ausblick aufs Meer existieren. Das ist natürlich wirklich maximal enttäuschend. Wer will denn dan noch da hin? Vielleicht sollte die versierte Reisebloggerin diesen unfassbaren Standortnachteil einmal den Eingeborenen, pardon, Einheimischen nahebringen – vielleicht ist das denen ja noch garnicht aufgefallen? Mit einem entsprechend großzügigen Handgeld (daran mangelt es ja augenscheinlich nicht) lässt sich da sicher etwas hin zum Positiven bewegen.

Weiter: »Der schönste Ort auf Borkum«. Auch so ein Thema, dem sich eine andere engagierte Bloggerin ausgiebig widmet und sich richtig Mühe dabei gibt. Allzu schwer hatte sie es allerdings nicht, denn diese Insel verfügt schlicht über nur einen einzigen Ort. Oder habe ich einfach wieder auf der falschen Karte nachgeschaut? Vielleicht muss ich da selbst mal hin um das nachzuprüfen. Sylt; Auch nicht ganz optimal. Hat zwar mehrere Orte die man vergleichen könnte, man muss aber die umständliche Autoverladung in Kauf nehmen um dorthin zu gelangen und das Personal dort (also bei der Autoverladung) scheint der Schilderung nach nicht besonders touristenfreundlich zu sein. Servicewüste Deutschland eben. Wirklich traurig, Ich fühle bei dieser Beschreibung diesmal selbst sooo sehr mit. Mit den Verlademitarbeitern allerdings. Wer schon mal einer Autoverladung beiwohnen durfte – und sei es auch nur auf einer Autofähre – der weiß warum. Angesichts der überragenden Beherrschung ihrer SUVs kann man als Lademeister bei etlichen Fahrzeuglenkern schon mal etwas ungeduldig oder laut werden. Ich fürchte aber, dass dieser Umstand bei der reisefreudigen Bloggerin eher wenig Relevanz besitzt oder ihre eingeschränkte Beobachtungsgabe hierfür schlicht nicht weit genug reicht.

Egal. Prinzessinnen aus betuchtem Hause, die die Welt erklären. Was soll man auch sonst machen, wenn der Gatte den ganzen Tag in seiner Großstadt-Arztpraxis verbringt. Irgendwie muss man sich ja beschäftigen. Dann kümmert man sich eben notgedrungen um die dringend notwendige Bildung seiner Mitmenschen und widmet sich aufopferungsvoll den wirklich wichtigen Problemen dieser Welt. Und wenn es mit Cashmereschal und Ziegenlederslippern mitten im Winter ganz alleine auf einer windumtosten Sandbank ist.

Da fühle ich gaanz, gaaaanz viel Respekt und mein kleines Herz wird sooo warm. Das ist alles so sehr berührend…

Schluss jetzt.

Happy blogging weiterhin.