Man glaubt es ja wirklich kaum, wer da in letzter Zeit nicht alles mit genialen Ideen und Vorschlägen zur Behebung der ›deutschen Misere‹ um die Ecke kommt. Jetzt schon wieder; Der ›CDU-Wirtschaftsverband‹ diesmal. Enthalten sind in den Vorschlägen diverse Punkte. Unter anderem Entfall der Versichung für Wegeunfälle für Arbeitnehmer, Einschränkungen beim Arbeitslosengeld und so weiter. Ganz besonders hervorgehoben Zahnbehandlungen, von denen der Verband behauptet, dass es eine gute Idee wäre diese ganz aus dem Leistungskatalog der Krankenversicherungen zu streichen, weil »das lässt sich generell gut privat absichern.«
Es stellt sich bei all dem erneut die Frage, wer da wieder mal den Schuss nicht gehört haben mag. Natürlich lässt sich alles perfekt privat absichern. Aber wieviele haben das nötige Kleingeld dazu? Vermutlich vorrangig genau diese hochgradig realitätsfremden Verbandsvertreter mit aller Wahrscheinlichkeit nach hervorragendem Auskommen (bzw. Einkommen). Irgend jemand sollte denen mal mitteilen, dass es beileibe nicht mal annähernd die Mehrheit der deutschen Bevölkerung ist, die Gehaltstechnisch in einem Bereich operiert, der dies alles problemlos ermöglichen würde. Aber bei entsprechenden monatlichen Gehältern, die in Richtung Fünfstelligkeit oder sogar darüber hinaus tendieren, kann mal durchaus auch mal den gesellschaftlichen Überblick verlieren.
In welcher Welt leben eigentlich die Damen und Herren, die sich derartiges ausdenken und dann noch nicht einmal davor zurückschrecken, dies alles im Brustton der Überzeugung öffentlich zum Besten zu geben?
Die ›Begründungen‹ für diese auf das Äusserste am Gemeinwohl orientierten Vorschläge sind bei allem Respekt fast noch unverschämter; Zitat. »Ausdruck einer verantwortungsvollen Politik gegenüber Arbeitnehmern ist es auch, dafür zu sorgen, dass Sozialabgaben nicht immer weiter ansteigen und so immer weniger Netto vom Brutto bleibt.« … Geht es denen noch gut? Nein. Denen geht es zu gut. Sonst würden sie merken, was sie da für einen grandiosen Schwachsinn verzapfen. Diese Begründung ist geradezu grotesk und schlichtweg blanker Hohn.
Es geht garnicht um die Sozialabgaben, die die Arbeitnehmer zu tragen haben, sondern ausschliesslich um jene, die von den Arbeitgebern anteilig zu leisten sind. Denn (noch ein Zitat): »Ein besonderes, deutsches Problem sind die explodierenden Sozialabgaben«. Wenn das ein CDU-naher Unternehmer(!!)-Verband kundtut, dann meint er auch die Unternehmer. Punkt. Will sagen: Die wollen die Kosten runter haben, die sie zu tragen haben. Für die Anderen darf es dafür kostentechnisch gerne nach oben gehen.
Das ist insofern schon unverschämt, weil man denen, die ohnehin bereits (zu) wenig haben ganz selbstverständlich noch mehr Belastungen zumuten, beziehungsweise die Taschen leeren möchte, während man selbst möglichst entlastet werden will um bloß keinen Cent weniger in der trotz allem gut gefüllten eigenen zu haben. Klassische Umverteilung eben wieder mal. Dummerweise erneut in die falsche Richtung.
Dieser ganze Mist der dort verzapft wird ist derart egoistisch, einseitig und elitär, dass es einfach nur noch wehtut und man aufpassen muss in der Reaktion darauf seine gute Kinderstube nicht vollends zu vergessen. Obwohl – das tut der Wirtschaftsverband ja auch schon.
Ein gewisser Helmut Schmidt hat einmal gesagt:
Charakter zeigt sich nicht in Worten, sondern im Umgang mit den Schwächsten.
Diese Individuen vom Wirtschaftsverband müssen gewaltig charakterlos sein, denn Sie zeigen schon mit Worten einen respektabel respektlosen Umgang.
Erst beklagt unser allseits hoch geschätzter Bundeskanzler »einen zu hohen Krankenstand«, dann verlangt der Wirtschaftsflügel der CDU »Einschnitte beim Recht auf Teilzeit«. Die ganzen anderen ›schlauen Vorschläge‹ der letzten Zeit mal ganz aussen vor gelassen, die alle immer in die selbe Kerbe hauen und ein und das selbe Ziel verfolgen: Sozialstaat auf Kosten der Arbeitnehmer abbauen und den Unternehmen Status Quo und Gewinne erhalten.
Liebe Freunde, wenn ihr die Leute unbedingt mit aller Gewalt in die Arme von rechtsblauen Gruppierungen treiben möchtet, dann ist das genau der richtige Weg. In allen anderen Fällen nicht!
Das ist alles ganz großer ›Bullshit‹ (das ist ja als Ausdruck inzwischen salonfähig …) und die Verfasser des Selben gehören im Prinzip auch mit genau diesem beworfen. Mindestens.
Wenn die Zeiten schon so schlecht sind wie alle behaupten, dann sollte man wenigstens zusammenhalten und nicht immer ganz egoistisch und unverschämt das Recht des Stärkeren geltend machen wollen. Sonst wird das am Ende noch pathologisch (wobei es m.e. schon jetzt zu oft als unheilbar erscheint). Irgendwann braucht man sich schliesslich wieder – gegenseitig. Spätestens wenn die Wirtschaft wieder in Richtung oben tendiert und man Arbeitskräfte benötigt. Gute. Und gesunde! Aber das (und anderes) haben auch viel zu viele ›erfolgreiche Unternehmer‹ bei weitem noch nicht begriffen. Das Unfassbare an der ganzen Sache ist aber wirklich wieder einmal, dass in dem Fall dieser Interessenverband von Unternehmern die eigene überbordende Dummheit auch noch derart medienwirksam zur Schau stellt.
Fangt einfach mal an nachzudenken, ihr hochintelligenten Wirtschaftsexperten. Wenn nicht, dann wünsche ich euch eine ganze Batterie von entzündeten Zähnen und nur fünf Euro in der Tasche. Ohne Versicherung versteht sich.
War das jetzt böse? Ja, war es. War es angebracht? Schon.